Mein Bauch gehoert mir

Beim Thema Feminismus habe ich zu Anfang aus dem Bauch heraus meine Meinung gebildet, mit mir selbst als Ausgangspunkt und Mass der Dinge. Aber kein Mensch ist eine Insel, und ich habe zugehoert, gelesen, diskutiert. Ich hatte erst kuerzlich das Glueck, eine neue Freundin zu gewinnen, die so viel mehr weiss als ich und die Zeit und Geduld hat (oder sich nimmt), mit mir zu diskutieren. Ich verstehe jetzt, warum mehr Frauen in Aufsichtsraeten wichtig fuer die Gesellschaft sind, und warum vielleicht sogar eine Quote sinnvoll sein kann.

Das heisst aber nicht, dass ich mein Bauchgefuehl jetzt ignoriere, und vielleicht kann ich erklaeren, warum ich bei diesem Twitter-Austausch Wut im Bauch hatte:

TwittererA: Warum dürfen denn eigentlich Frauen nicht selbst über ihren Körper entscheiden? Ich verstehe das nicht.
TwittererB: Weil Penis.
TwittererA: orrrrrr

Mein Kopf weiss, wie es gemeint ist, mein Bauch schreit empoert auf – vielleicht gerade weil ich beide Twitterer sehr schaetze, sonst ginge es mir eher am Allerwertesten vorbei. Ja, es ist ein Unding, dass irgendwer meint, ueber den Koerper von irgendwem anderem entscheiden zu duerfen. Aber was bei meinem Bauch ankommt, ist, dass Partei C der Partei A sagt, was sie nicht mit Partei B machen darf, und dabei ueber Partei B spricht, statt mit ihr. Partei B – yours truly in diesem Fall – fuehlt sich hilflos, uebergangen, entmachtet. Mit vaeterlichem Wohlwollen behandelt.

Ich hab euch trotzdem lieb. Es ist wichtig, dass es Menschen, auch maennlicher Auspraegung, gibt, die sehen, was da fuer ein Wahnsinn vor sich geht, und es ist wichtig, dass auch Menschen mit Penis Front dagegen machen, und ich weiss zu schaetzen, dass ihr das tut. Und mein Bauch wird sich auch wieder einkriegen, dafuer sorgt der Kopf.

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Aufschrei

Einen Aufschrei ist es wert, wenn Frauen massenhaft im Rahmen religiös motivierter Unruhen vergewaltigt werden.

Einen Aufschrei ist es wert, wenn Mädchen zwangsverheiratet, gefoltert und getötet werden.

Einen Aufschrei ist es wert, wenn Mädchen nicht zur Schule gehen, Frauen nicht Auto fahren, nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben dürfen.

Einen Aufschrei ist es wert, wenn Frauen in einem Land, das sich selbst als fortschrittlich sieht, systematisch aus einer Berufsausbildung gemobbt werden.

Einen kleinen Aufschrei ist es wert, wenn Frauen allein aufgrund ihres Geschlechts Jobs nicht bekommen.

Einen kleinen Aufschrei ist es wert, wenn auch beim Wehrdienst-Revival keine Frau aufschreit, weil wieder nur Männer zwangsverpflichtet werden.

Keinen Aufschrei ist es wert, wenn Frauen sich für die gleichen Jobs genauso anstrengen müssen wie Männer.

Keinen Aufschrei ist es wert, wenn Männer sich breitbeinig hinsetzen.

Keinen Aufschrei ist es wert, wenn Menschen die Körper anderer Menschen bewundern – aber es ist einen Aufschrei wert, dass so viele die atemberaubend vielfältige Schönheit der Natur, zu der menschliche Körper gehören, nicht zu schätzen wissen.

Fettnapf, ick hör dir trappsen

Da habe ich doch mal ganz flapsig eine mir als sehr unangenehm beschriebene Gruppe mit Feministen in einen Topf geworfen, und wozu hätte man Freunde, wenn nicht, um auf so etwas hingewiesen zu werden, mit dem Kommentar, man möge doch bitte nicht so pauschalisieren.

Für alle, die dabei waren und mich – möglicherweise weil Feminismus zu ihrem Selbstverständnis gehört – im Fettnapf waten gesehen haben: ich bitte um Entschuldigung. Bestest of Friends: Danke.

Mir widerstrebt Feminismus im Allgemeinen, weil er zuerst den Unterschied und dann den Menschen sieht, aber ich kann ihn tolerieren und mehr, wenn er versucht, aus diesem Unterschied resultierende Ungerechtigkeit zu beheben.

Ich kann nicht tolerieren, wenn ein nicht willentlich beeinflussbarer Unterschied benutzt wird, um eine Gruppe abzuwerten oder zu benachteiligen, und das tut die Spielart des Feminismus, die ich als radikal bezeichne, genauso wie Rassismus, der statt in Penis und Vagina in braun und rosa einteilt.

Auf der anderen Seite finde ich es für mich völlig in Ordnung, gegen eine Menschengruppe aufgrund einer willentlich beeinflussbaren Eigenschaft eingestellt zu sein – nämlich beispielsweise der Entscheidung, Menschen aufgrund des Geschlechts oder der Hautfarbe abzuwerten. Genau das wollte mein flapsiger Vergleich sagen: die hören sich an wie die Art von Feministen, die nicht Ungerechtigkeit beseitigen, sondern vermehren wollen, und die mir persönlich so sehr ein Dorn im Auge sind.

Warum Frauen keine Wichser sind

Da zählt Susanne Klingner bei der taz auf, was man ihr schon so an Nettigkeiten an den Kopf geworfen hat, und kommt zu dem Schluss, dass es Frauenfeindlichkeit, anders als man ihr gegenüber behauptet, im Internet doch gibt.

Das ist natürlich eine Riesen-Überraschung. Es gibt Frauenfeindlichkeit im Internet. Oh mein [Unsichtbaren Freund deiner Wahl einsetzen]. Die böse Realität ist: es findet sich immer jemand, der hasst. Im Internet ebenso wie in dem Teil des richtigen Lebens, der die bessere Grafik hat. Aber was Frau Klingner da aufzählt, ist nicht Frauenfeindlichkeit oder Antifeminismus, sondern platt Beleidigung.

Es ist so eine Sache mit Beleidigungen. Sie sollen persönlich sein, also sucht man sich gerne ein persönliches, hervorstechendes oder vom Anzugreifenden selbst gerne herausgestelltes Merkmal als Ziel aus. Was ist das an einer Feministin zuerst wahrgenommene Merkmal? Richtig, sie ist eine Frau, was sie selbst gerne und oft betont, und so ist es ganz natürlich, dass diese äußere Eigenschaft „Frau“ zum Angriffsziel wird. Wo ein Mann ein „Du Wichser“ zu hören bekommt, hört die Frau eben „Du Fotze“. („Du Wichserin“ würde auch irgendwie nicht so ankommen. Es wäre interessant, einmal zu ergründen, warum nicht.)

Hat das nun etwas damit zu tun, dass der Angreifer ein Frauenfeind ist? Mitnichten. Es heißt ganz einfach nur, dass er die Angegriffene nicht leiden kann und sich nicht anders zu helfen weiß, als zum Mittel der Beleidigung zu greifen. Bemitleidenswert, aber nicht per se frauenfeindlich. Und wenn man dann einmal über den eigenen Frauentellerrand hinaus schaut und sich gestattet, wahrzunehmen, was Männern von ebenso unfreundlichen Mitmenschen an den Kopf geworfen wird, wird einem ganz schnell bewusst, dass man nicht beschimpft wird, weil man eine Frau ist, sondern dass einfach nur der Wortlaut der Beleidigung individuell angepasst wird.

Im Grunde sehen wir hier ein wunderbares Beispiel der Gleichbehandlung bei gleichzeitiger Würdigung der Tatsache, dass es sich beim Gegenüber um eine Frau handelt. Sollte da nicht jeder Feministin das Herz im Leibe hüpfen?