Schema F

Wir hatten heute Besuch von zwei Kollegen aus einem Nachbarland und saßen zu acht oder neunt zusammen, ich als die einzige Frau.

Das Thema war Arbeit, aber der Umgangston locker wie eben in der täglichen Zusammenarbeit auch, und es wurde der ein oder andere Witz gemacht. Und dann verkniff sich einer der Besucher einen Witz mit Verweis auf mich. Ich habe ihm – lachend – gesagt, dass ich mich diskriminiert fühle, seine – ebenfalls lachende – Antwort war, „and you should!“

Später war mir das Anlass, zu tweeten: „Wo ich Sexismus wahrnehme: Maenner verkneifen sich Witze, weil ich als Frau anwesend bin.“ Wie erwartet fand dieser Tweet eine Menge Resonanz, und eine Antwort von _phoeni fasste genau meine Gedanken in Worte: „Wie Manns auch macht ist’s falsch.

Der Mann an sich kann es eben nicht richtig machen, wenn er das Schema F(rau) anlegt und meint, das würde jetzt auf jede passen. Hier: Die Frau an sich mag keine möglicherweise nicht ganz „sauberen“ Witze hören. Der Fehler hier ist, dass es die Frau an sich nicht gibt, ebensowenig natürlich wie den Mann an sich, aber die Gesellschaft möchte uns das derzeit glauben machen.

Man(n) schaut einer Frau nicht auf die Brüste (wenn ich mal ein schönes Dekolleté hinbekomme, freue ich mich, wenn auch Menschen hinsehen).
Man(n) macht in Gegenwart einer Frau keine schmutzigen Witze (normalerweise mache ich die).
Man(n) reduziert eine Frau nicht mit Komplimenten auf ihr Äußeres (ich liebe Komplimente, hierzu auch sehr interessant ein Tweet von TiiaAurora).
Etc. pp.

Ich mache meinem Kollegen keinen Vorwurf dafür, dass er Vorsicht hat walten lassen, ebensowenig wie jedem anderen, der sich für ein Kompliment entschuldigt oder sich den Blick auf ein schönes Dekolleté verkneift. Ich finde es nur sehr schade, dass es nötig ist.

Meinen stark vereinfachten Lösungsvorschlag habe ich dann auch getweetet: „Genau darauf wollte ich uebrigens raus: die Wahrnehmung ist fuer jede/n anders. Weg von Mann/Frau, hin zu Menschen individuell respektieren.“ Ich versuche, danach zu leben. Wenn ich einem Freund auf den Hintern hauen kann, heißt das nicht, dass ich das bei allen Männern (oder Frauen) kann, und dass ich schmutzige Witze mag, heißt nicht, dass alle Frauen (oder Männer) sie mögen. Schema F und Schema M funktionieren nicht.

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Über Silke Suck
Ich bin selbstständige Linux-Sysadmin und Webentwicklerin und seit Ende Juli 2009 Mitglied der Piratenpartei. Im September 2009 wurde ich zur Vorsitzenden des Kreisverbands Waldeck-Frankenberg gewählt, seit 2010 bin ich wieder Basispirat. Ich war fast drei Jahre - aus persönlichen und völlig parteiunhabhängigen Gründen - inaktiv und hole derzeit auf, was ich verpasst habe. Die Piratenpartei ist eine der wenigen Oasen in unserer Gesellschaft, in der ich mich einfach als Mensch akzeptiert fühle, in der ich nicht ständig das Gefühl habe, dass mein Frausein eine - negative oder positive - Rolle spielt. Um dieses Gefühl mitzuteilen, habe ich dieses Blog begonnen. Wer mich persönlich kennenlernen möchte, trifft mich jeden 1. und 3. Mittwoch beim Höchster Stammtisch in der Gaststätte Zum Bären am Höchster Schlossplatz in Frankfurt.

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