Feminismusgedanken

Disclaimer: im Folgenden schreibe ich allein auf Basis meiner 42 Jahre als hypersensitiver, hoch-empathischer, extrem soziallibertärer, pansexueller Mensch. Ich versuche, in Worte zu fassen, was in mir vorgeht, wenn mir die heutige Form des Feminismus präsentiert wird, und ich mutmaße über Hintergründe. Wenn du Küchenpsychologie nicht leiden kannst, liest du auf eigene Gefahr weiter.

Ich bleibe in der weiblich/männlich-normativ-Hetero-Ecke, weil das Thema, über das ich schreibe, genau da stattfindet. Es verliert an Bedeutung und wird durch ganz andere Probleme ersetzt, wenn wir andere Geschlechtsidentitäten und Orientierungen berücksichtigen. Außerdem bleibe ich in dem Kulturkreis, in dem ich aufgewachsen bin und der mir vertraut ist, und meine Schlussfolgerungen lassen sich keinesfalls 1:1 auf andere Kulturkreise übertragen.

Feministinnen haben Großartiges geleistet. Ich konnte Abi machen, zur Uni gehen und wieder abbrechen, Berufe meiner Wahl ergreifen, über meine Partnerschaften selbst entscheiden, ich kann wählen gehen und mich selbst wählen lassen. Das war vor gar nicht so langer Zeit überhaupt nicht selbstverständlich, und das dürfen wir niemals vergessen.

Ich weiß auch, dass noch lange nicht alles erreicht ist. Chancengleichheit gibt es längst nicht überall – übrigens revidiere ich an dieser Stelle meine frühere Meinung, in der Piratenpartei gäbe es Chancengleichheit zugunsten der Aussage, dass Frauen bessere Chancen haben, für Posten und Ämter benannt und gewählt zu werden – und auch in unserem aufgeklärten, westlichen Kulturkreis haben viele Frauen noch mit Benachteiligung zu kämpfen.

Ich bitte zu beachten, dass ich Chancengleichheit schreibe und nicht Gleichbehandlung. Menschen alle gleich behandeln zu wollen ignoriert die Bedürfnisse der Einzelnen, und Männer und Frauen gleich behandeln zu wollen scheitert schon daran, dass es zwischen Bio-Männern und Bio-Frauen physiologische Unterschiede gibt, die nicht von der Hand zu weisen sind. Das Ziel muss sein, jeder einzelnen Person zu ermöglichen, sie selbst zu sein und entsprechend ihrer Persönlichkeit und Natur ein ausgefülltes Leben zu führen.

Und damit wären wir beim Thema, wie der Feminismus heute bei mir ankommt. Noch einmal ganz deutlich: Ich beschreibe meine Rezeption, die mit der Intention nicht notwendigerweise viel zu tun haben muss.

Der heutige Feminismus will Frauen auf Kosten der Männer bevorteilen. Er will keine Chancengleichheit, er will immer noch bessere Chancen für Frauen. Er berücksichtigt weder Natur noch Individualität. Er kategorisiert: Menschen mit Vagina sind gut, Menschen mit Penis sind inhärent böse. Er vertieft die Kluft zwischen Männern und Frauen anstatt eine Auflösung der Grenzen zwischen den Geschlechtern anzustreben. Er ist über das Ziel hinausgeschossen und zur Misandrie geworden. Er spricht Penisträgern das Recht auf ihre Natur ab und will zur selben Zeit eine Gleichschaltung aller Vaginabesitzerinnen, ohne Raum für Aspekte, die als „traditionell weiblich“ mit Misstrauen beäugt werden.

Das Wort Sexismus, das eigentlich ganz einfach Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts bedeutet, wird verwendet, um diese Ungleichbehandlung mit Sexualität zu verknüpfen, alleine über die drei gemeinsamen Anfangsbuchstaben. Hier kommt unsere christliche Vergangenheit ins Spiel: Sex, und insbesondere das Vergnügen daran, ist uns so gründlich vergällt worden, dass wir noch immer in Moralfallen feststecken, die wir per Ratio längst überwunden zu haben glauben.

Wenn man es wirklich einmal schafft, einen (im Rahmen menschlicher Fähigkeiten) objektiven Blick auf Sex zu werfen, dann ist das nicht nur eine ganz wunderbare Sache, sondern auch ein Grundbedürfnis jedes Säugetiers. Ein lieber Freund sagte einmal, dass Sex nach Atmen und Trinken das wichtigste Grundbedürfnis sei, noch vor dem Essen. Ob es dafür wissenschaftliche Belege gibt, sei dahingestellt, aber ich finde es gar nicht so unplausibel.

Achtung: Ab hier komme ich richtig ins Theoretisieren.

Rund um Sex haben auch wir als homo sapiens sapiens noch jede Menge Instinkte und hormongesteuerte, nicht bewusst beinflussbare Reaktionen. Leider haben wir jedoch die Verbindung zu diesen Instinkten und Reaktionen verloren. Sex gibt einer Frau extrem viel Macht über einen Mann, aber das ist in den meisten Fällen weder Frau noch Mann bewusst. Während Frauen diese Machtposition oft ignorieren – so tief steckt es in uns drin, dass Sex ja etwas männlich-dominierendes ist – haben Männer oft das unbestimmte Gefühl, dass etwas mit ihnen passiert, das sie nicht kontrollieren können, und reagieren mit Misogynie.

Ich glaube ganz fest, dass, wenn alle Menschen es schafften, Sex als etwas Natürliches, Wunderbares anzunehmen, und zwar in jeder einvernehmlichen Spielart, viele Probleme sich einfach in Nichts auflösen würden. Frauen würden verstehen, dass Männer sie als sexuelle Wesen sehen, nicht Objekte, und warum, und Männer müssten keine Angst mehr vor der unvermeidlichen Wirkung einer Frau auf sie haben.

Um jetzt doch wieder aus der m/w-Hetero-Ecke herauszukommen: Diese ganze Feminismus-/Maskulismus-Geschichte schließt die Menschen aus, die sich eben nicht einer dieser beiden Identitäten zuordnen. Alleine schon die Diskussion generisches Maskulinum / Femininum bedeutet eine Ausgrenzung, weil sie sagt, dass man entweder das eine oder das andere sein muss. Wir müssen Frau und Mann hinter uns lassen und Mensch werden, jeder mit einer anderen Natur, anderen Instinkten, anderen Bedürfnissen, und jeder so wertvoll wie der andere. Das geht nicht mit gewaltsamem Verbiegen über Jahrhunderte gewachsener Sprache. Erst wenn jeder Mensch sich akzeptiert und respektiert fühlt und die Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung so viel Bedeutung wie die Schuhgröße haben, sind wir angekommen.

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Über Silke Suck
Ich bin selbstständige Linux-Sysadmin und Webentwicklerin und seit Ende Juli 2009 Mitglied der Piratenpartei. Im September 2009 wurde ich zur Vorsitzenden des Kreisverbands Waldeck-Frankenberg gewählt, seit 2010 bin ich wieder Basispirat. Ich war fast drei Jahre - aus persönlichen und völlig parteiunhabhängigen Gründen - inaktiv und hole derzeit auf, was ich verpasst habe. Die Piratenpartei ist eine der wenigen Oasen in unserer Gesellschaft, in der ich mich einfach als Mensch akzeptiert fühle, in der ich nicht ständig das Gefühl habe, dass mein Frausein eine - negative oder positive - Rolle spielt. Um dieses Gefühl mitzuteilen, habe ich dieses Blog begonnen. Wer mich persönlich kennenlernen möchte, trifft mich jeden 1. und 3. Mittwoch beim Höchster Stammtisch in der Gaststätte Zum Bären am Höchster Schlossplatz in Frankfurt.

7 Responses to Feminismusgedanken

  1. Vieles von dem obigen Stimme ich gerne zu. Ich würde aber zwei besondere Punkte erwähnen, wo ich anderer Meinung bin:

    „Feministinnen haben Großartiges geleistet.[…]“

    Nein, all dass haben eigentlich von dem Feminismus unabhängige oder nur teilweise überlappende Bewegungen von Aufgeklärtheit, Demokratie, Liberalismus, und Sozialismus/Sozialdemokratie geleistet. (Ich halte nicht viel von Sozialismus, aber den Miteinfluss hier kann ich nicht verleugnen.) Das man gleiche Rechte und Möglichkeiten für Frauen befürwortet macht einem nicht automatisch zum Feminist.

    „Erst wenn […] Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung so viel Bedeutung wie die Schuhgröße haben, sind wir angekommen.“

    (Einiges von dem Umgehenden stimme ich jedoch zu.)

    Schuhe sind (Carrie Bradshaw und ihresgleichen beiseite) ein minimaler Teil von dem Leben eines vernünftigen Menschen. Die Größe ist noch weniger wichtig. Sex und was direkt oder indirekt damit zusammenhört, andererseits, ist von immenser Bedeutung. Auch die reine Geschlechtsidentät kann sich in vielen Lebensentscheidung, sonstigen Präferenzen, usw., auswirken.

    Ja: Dass jemand z.B. eine transexuelle Lesbe mit einem Schuhfetischmus ist, sollte nicht die Anstellungschancen beinflussen. Auch nicht die Chancen anderer Art, wo diese Eigenschaften keine rationelle Relevanz hat.

    Nein: Wer versucht so etwas auf die Ebene von einer Schuhgröße zu reduzieren tut niemand ein Gefallen. Selbst der Versuch (für die Meisten) weniger wichtige Aspekte, wie etwa Musikgeschmack oder politische Orientierung, zu reduzieren wäre destruktiv.

    • Silke Suck says:

      Danke für das Feedback!

      Ich gestehe, dass Geschichte schon immer mein Schwachpunkt war. Wichtig ist mir hier, dass ich mir dessen bewusst bin, dass an die Rechte und Freiheiten, die ich genieße, noch vor kurzer Zeit nicht zu denken war.

      Das mit der Schuhgröße habe ich dann wohl nicht genau genug ausformuliert – da fehlt so etwas wie „für die Bewertung eines Mitmenschen“. Natürlich ist die Geschlechtidentität enorm wichtig, und sie muss auch die Bedeutung haben, die sie verdient – aber nicht als Qualitätsmerkmal.

  2. Danke für diesen Text, in dem ich mich sehr wiederfinde. Ich habe erst seit etwa einem Jahr angefangen mich fürs Thema zu interessieren und habe seit kurzem offenbar einen eher Maskulistischen Stand, und das wo ich mich eigentlich selbst ziemlich mittig einordne. Ich denke, das liegt viel am Diskussionsverhalten der beiden Parteien, da ich rein vom Gefühl her beide Seiten schon massiv kritisiert habe. In der feministischen Ecke führte dies dazu, dass ich ziemlich umgehend nach dem ersten Widerspruch als antifeministin gelabelt und meine Kommentare nicht mehr veröffentlicht werden. Maskulisten sind da offenbar härter im Nehmen.

    Ich habe aber auch das Gefühl, dass es im (radikalen) Feminismus mittlerweile mehr ums Rosinenpicken geht. Die berechtigten Anliegen gehen in einem Schwall übertriebenen Gezetere unter und der Feminismus entwickelt sich zu etwas, das Frauen eher einschränkt als befreit. Leider. (Ist es unhöflich zu verlinken? Mein heutiger Blog passt allerdings thematisch ziemlich gut, daher… http://erzaehlmirnix.wordpress.com/2013/07/19/degradierung-von-frauen/ )

    • Silke Suck says:

      So schön passende Links sind nicht nur okay, sondern sogar sehr erwünscht! Danke :-)

      Du sagst da ein wahres Wort: der Radikalfeminismus (ich sollte mir diese Bezeichnung angewöhnen, denn Feminismus ist ja nicht per se schlecht) schränkt ein, und genau das ist es, was mich immer wieder auf die Palme treibt. Die Freiheit, die frühere Generationen uns erkämpft haben, will ich mir auch von Frauen nicht mehr nehmen lassen.

  3. Schulze says:

    Die Macht der Frauen beim Sex besteht höchstens darin, „nein“ zu sagen. Und oft sagen sie nur „nein“, obwohl sie eigentlich gerne „ja“ sagen würden, weil sie wissen, sie sind der Verlierer, wenn sie sich auf unverbindlichen Sex sprich One-night-stands einlassen.

  4. Auf jeden Fall ein interessanter Text! Ich glaube nicht, dass Männer auf den Unterschied im Sexualtrieb per se mit Misogynie reagieren. Einige sind verbittert, weil sie abgelehnt werden, einige sind vorsichtig, weil Frauen tatsächlich gerne den unterschied ausnutzen, andere leben einfach den Unterschied und nehmen ihn als solchen hin.

    • Silke Suck says:

      Nein, da habe ich etwas zu sehr verallgemeinert – ich habe leider oft nicht die Geduld, meine Gedanken bis ins Letzte auszuformulieren.

      Die weitaus meisten Männer, mit denen ich in meinem Leben zu tun hatte, sind nicht im Geringsten misogynistisch. Der Anteil der Männern gegenüber misstrauisch oder gar feindlich eingestellten Frauen unter denen, die mir begegnet sind, fühlt sich höher an (gezählt habe ich nicht).

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