Und täglich grüßt das Gendertier …

Wieder einmal, diesmal nachdem sich einiges zum Thema „Gender“ auf dem Bundesparteitag am vergangenen Wochenende entladen hat, schlagen die Wogen hoch. Wieder einmal wird der Piratenpartei Frauenfeindlichkeit vorgeworfen, und aus der Tatsache, dass so viele Frauen sich gegen Lenas „Unterscheidungszwang“ zur Wehr setzen, wird fröhlich geschlossen, dass dann ja wohl was dran sein muss. Wie bitte? Ich widerspreche, als muss an dem, dem ich widerspreche, etwas dran sein? Was ist das für eine Logik?

Um das vorweg zu nehmen: ich fand es bewundernswert, wie Lena sich den Angriffen gestellt hat. Respekt, genau so sind viele Frauen in der Piratenpartei, stark und selbstbewusst (was nicht heißt, dass man stark und selbstbewusst sein muss, um als Frau in der Piratenpartei gut aufgehoben zu sein). Man kann sich darüber streiten, ob der Bundesparteitag der richtige Rahmen für das war, was vielerorts als „Shitstorm“ bezeichnet wird, aber ich denke, es war für viele Frauen ein dringend benötigtes Ventil für einiges an angestautem Ärger.

Ich möchte auf einen Kommentar von Antje Schrupp zu diesem Artikel von Christophe Chan Hin, der übrigens wundervoll beschreibt, wie ich selbst die Piratenpartei sehe, eingehen. Antje schreibt: „Ich denke, es würde schon reichen, wenn die Piraten klar sagen würden, dass es bei diesem Punkt noch internen Klärungsbedarf gibt und sich vornehmen, die Diskussionen dazu offen und mit Interesse an feministischen Positionen zu führen.“

Der zweite Teil zuerst: wir wollen Diskussionen um Benachteiligung von Frauen oder Minderheiten natürlich offen und mit Interesse an den Positionen der Frauen und Minderheiten führen, ich bin allerdings keinesfalls dazu bereit, das auf „feministisch“ einzuschränken.

Was den internen Klärungsbedarf angeht – wenn Frauen sich diskriminiert fühlen, muss das natürlich intern geklärt werden. Ich habe aber noch kein einziges Mal, auch nicht von Lena, von einem konkreten Fall der Diskriminierung gehört, den man hätte klären können. Ich kenne inzwischen so viele Frauen in der Piratenpartei, und den meisten davon wird ständig das ein oder andere Amt nahe gelegt – es ist jeweils eine bewusste, begründete Entscheidung, wenn eine Frau in der Piratenpartei nicht kandidiert.

Ich fühle mich hier ziemlich hilflos, ich höre „bei euch besteht Klärungsbedarf, weil Frauen diskriminiert werden“, aber niemand ist in der Lage, mir einen konkreten Fall zu nennen. Ich muss mich gegen den Vorwurf wehren, ich würde diskriminiert und traute mich nur nicht, das zuzugeben, wo ich einfach nur meine Arbeit als gleichberechtigtes und gleich behandeltes Parteimitglied machen möchte, derzeit noch als Kreisvorsitzende. Und es ärgert mich maßlos, dass ich und all die anderen Frauen in Kreis-, Bezirks- und Landesvorständen einfach nicht wahrgenommen werden und man ihre Arbeit nicht würdigt.

Scheinbar muss man als Frau erklären, wie es Mela schon getan hat, warum man nicht für den Bundesvorstand kandidiert hat (bei Männern oder Angehörigen von Minderheiten kann man wohl eher ohne Erklärung annehmen, dass ihre Gründe, nicht zu kandidieren, nicht klärungsbedürftig sind). Ich spiele durchaus mit dem Gedanken, im nächsten Jahr für den BuVor zu kandidieren. Dieses Jahr war mir einfach klar, dass ich damit nach nur einem Dreivierteljahr Erfahrung mit der Kreisverbandsleitung überfordert wäre.

Ich bin die letzte, die eine reale Diskriminierung von Frauen oder Minderheiten ignorieren oder tolerieren würde. Bitte bitte zeigt mir einen konkreten Fall innerhalb der Piratenpartei und ich setze mich mit allem, was ich habe, für die Klärung ein, ob es um Frauen, Queers, Transgenders, Behinderte, Menschen mit Migrationshintergrund oder wen auch immer ich jetzt in der Aufzählung vergessen habe geht. Dass in der Gesellschaft weiterhin Menschen aufgrund von Merkmalen, die sie nicht beeinflussen können, benachteiligt werden, ist selbstverständlich eine Tatsache, und ich setze mich selbstverständlich dafür ein, diese Benachteiligungen abzuschaffen. Eine zwanghafte Geschlechtsunterscheidung in der Piratenpartei, die diese Benachteiligungen bereits überwunden hat, hilft dabei nicht.

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Über Silke Suck
Ich bin selbstständige Linux-Sysadmin und Webentwicklerin und seit Ende Juli 2009 Mitglied der Piratenpartei. Im September 2009 wurde ich zur Vorsitzenden des Kreisverbands Waldeck-Frankenberg gewählt, seit 2010 bin ich wieder Basispirat. Ich war fast drei Jahre - aus persönlichen und völlig parteiunhabhängigen Gründen - inaktiv und hole derzeit auf, was ich verpasst habe. Die Piratenpartei ist eine der wenigen Oasen in unserer Gesellschaft, in der ich mich einfach als Mensch akzeptiert fühle, in der ich nicht ständig das Gefühl habe, dass mein Frausein eine - negative oder positive - Rolle spielt. Um dieses Gefühl mitzuteilen, habe ich dieses Blog begonnen. Wer mich persönlich kennenlernen möchte, trifft mich jeden 1. und 3. Mittwoch beim Höchster Stammtisch in der Gaststätte Zum Bären am Höchster Schlossplatz in Frankfurt.

12 Responses to Und täglich grüßt das Gendertier …

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  2. tigerfood says:

    Danke für diese interessanten Einblicke, Silke.

    „Und es ärgert mich maßlos, dass ich und all die anderen Frauen in Kreis-, Bezirks- und Landesvorständen einfach nicht wahrgenommen werden und man ihre Arbeit nicht würdigt.“

    Das Absurde ist: Der gleiche Ärger, nur auf andere, größere Bereiche bezogen, treibt feministisch motivierte Frauen (und ein paar Männer) seit Jahrzehnten um. Und nun sind es gerade feministisch motivierte Menschen, die die Existenz und Arbeit der Frauen in der PP in einer Weise ignorieren oder abwerten, dass die PP-Frauen sich (zu Recht) darüber beschweren. Verkehrte Welt!

    Das aus feministischer Sicht Befremdlichste an den PP-Frauen ist vermutlich, dass sich viele von ihnen hinstellen und (sinngemäß) sagen: Ich werde nicht diskriminiert. Weder innerhalb noch außerhalb der PP. Und ich fühle mich nicht als Opfer finsterer Patriarchen.

    Die Chance solcher Aussagen sehe ich darin, dass individuelle Erfahrungen einen höheren Stellenwert in Diskussionen erlangen, die dazu neigen, Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit allzu schnell über einen Kamm zu scheren.

    tigerfood
    (Nicht in der PP, aber immer öfter mit dem Gedanken eines Beitritts spielend)

  3. Benno says:

    Hallo Silke,

    ich finde es schon ziemliches deutliches Zeichen dafür, dass es Diskriminierung bei den Piraten gibt, wenn ich sehe wie sich einige Männer aufregen und die Frauen zum teil heftig anmachen, weil sie keine Lust haben, sich damit auseinander zu setzen.

    Was meinst du, warum brauchten die Frauen ein „Ventil für einiges an angestautem Ärger.“? Weil sie immer fair und solidarisch behandelt wurden? Nicht einfach abgebügelt wurden von den Machern?

    Diskriminierung findet oft im (männlichen) Diskussionsverhalten statt und eben auch darin, was hinter den Kulissen besprochen und entscheiden wird.

    Die Diskriminierung bei den Posten kommt früh genug, wenn die Piraten mal Abgeordneten-Sitze zu vergehen haben und bezahlte Stellen.

    Genau deshalb ist es wichtig, jetzt mal offen über Strukturen und Verhalten zu sprechen. Ohne die anderen gleich anzupissen.

    Ansonsten siehe auch meinen Beitrag
    „Piraten, Sexisten & Trolle“
    unter:
    http://direkteaktion.over-blog.de/article-piraten-sexisten-trolle-48757612.html

    • Silke Suck says:

      Faszinierend – war das Absicht, dass du mich so komplett falsch interpretierst, oder drücke ich mich wirklich so missverständlich aus?

      Die Frauen haben sich über Lena geärgert, und deswegen haben sie sich Lena gegenüber Luft gemacht. Warum ignorierst du, dass Frauen andere Frauen heftig anmachen und nennst nur die wenigen Männer, die das auch tun? Die meisten ziehen nämlich den Schwanz ein, um genau diesen Vorwurf nicht auf sich zu ziehen. Das ist Sexismus – gegenüber Männern.

      Wenn du von einem konkreten Fall weißt, in dem eine Frau (oder ein Angehöriger einer Minderheit) von „Machern“ abgebügelt wurde, komm endlich damit rüber. Ich habe genug von Männern, die meinen, Frauen beschützen zu müssen, die das gar nicht wollen. Das ist Sexismus – gegenüber Frauen. Lasst es einfach.

      • Benno says:

        Hallo Silke,

        nun, sagen wir mal so: Ich habe dich missverstanden, was die Ereignisse beim #BPT10 angeht. Absicht war das sicher nicht.

        Zum Thema „dass Frauen andere Frauen heftig anmachen“ habe ich was am Ende des oben verlinkten Artikels gesagt. Auch zum Thema „Schwanz einziehen“. Das ist meine Wahrnehmung.

        Wenn du mir, jetzt – nur weil ich ein Mann bin – das Reden über Sexismus verbieten willst, empfinde ich das als sexistisch. Oder dürfen nur noch „Opfer“ klagen? Aber lassen wir das.

        Du schreibst:
        > Wenn du von einem konkreten Fall weißt, […] abgebügelt
        > wurde, komm endlich damit rüber.

        Wenn ich so was erlebe, verhalte ich mich direkt dazu und wälze das nicht im Internet aus. Aber ich habe das mehrfach erlebt: Keine großen Fälle, aber Unterbrechen, Ignorieren, Kompetenz absprechen, Übergehen, Zurücksetzen, Ablästern/ins Lächerliche ziehen – all diese Formen von Sexismus gibt es (auch) bei den Piraten. Ich bin ja auch nicht frei davon. Aber diese Geschwätz von „Post-Gender“ klingt für mich vor allem überheblich und ignorant.

        Wenn jene, die Sexismus in der Partei zum Thema machen wollen, einen (subjektiven) Grund dafür haben, dann sollten sie das tun können. Hör(t) doch erst mal zu, statt sie gleich zum Schweigen zu bringen.

        Und wenn es keinen Grund dafür gibt, dann ist die Aufregung darüber auch kontraproduktiv, denn die hält das Thema nur am köcheln.

        Ich glaube, die Piraten müssen noch lernen, als Gruppe konstruktiv mit Kritik umzugehen. Nicht jede Kritik kommt von GegnerInnen, manchmal geht es (sogar in der Politik) einfach darum, besser zu werden.

        Gruss
        Benno

  4. Pingback: Bundesparteitag der Piraten in Bingen | Orden des Leibowitz

  5. Tim says:

    Ich finde es schon bezeichnend für den Umgang der Mitglieder miteinander, dass, wie hier, selbst Funktionströger es nicht schaffen den Namen von Leena Simon richtig zu schreiben. Das ist respektslos und würde wohl in keiner anderen Partei passieren.

    • Mela says:

      @Tim

      So, wie schreibt man den Namen denn richtig? Lena heisst Lena. Leena ist ein Nick. Also bitte mal den Ball ganz flach halten und keinen Dummfug verbreiten.

  6. Sleeksorrow says:

    Ja, Antje schrieb dort „Ich denke, es würde schon reichen, wenn die Piraten klar sagen würden, dass es bei diesem Punkt noch internen Klärungsbedarf gibt und sich vornehmen, die Diskussionen dazu offen und mit Interesse an feministischen Positionen zu führen.“

    Ich habe die letzten Tage viel damit verbracht, bei den stärksten und lautesten Kritikern für eine Bewegung innerhalb der Piraten zu werben, die den Dialog sucht, zuhören will, lernen will, das Problem definieren will und versuchen will, Lösungen dafür zu erarbeiten.

    Oh mein Gott… Ich bin selten so von Menschen zerrissen worden, von denen ich dachte, sie freuen sich darüber, daß hier jemand in die Richtung arbeitet, die sie fordern…

    Ich habe soviel Energie dabei verloren…….

  7. @Silke – Wenn ich geschrieben habe, dass bezüglich des Gender-Dingens Klärungsbedarf bei den Piraten steht, dann kannst du nicht daraus schließen, dass ich der Meinung bin, Frauen würden diskriminiert. Feminismus beschäftigt sich nicht nur mit der Abschaffung von Diskriminierung gegenüber Frauen, sondern mit viel mehr.
    @Sleeksorrow – Ich hoffe, mit deinem Zerrissen-Werden meinst du nicht mich, oder?

  8. Sleeksorrow says:

    @Antje Ganz sicher nicht, nicht mal ansatzweise! Wenn ich Dich in eine Schublade ordnen _müßte_, dann in die mit den Labels „distanziert, interessiert, neutral“. Allerhöchstens noch das Label „etwas oberflächlich“, was ich aber auch verstehe. Das Ziel muß ja genau das sein, daß man uns richtig einschätzt, ohne daß man kilometertief graben muß.

  9. Sleeksorrow says:

    Ich behaupte mal frech, eins der größeren Probleme ist die Begrifflichkeit. Was genau verstehst Du unter „post-gender“. Ich zum Beispiel verstehe dazu, die Mitglieder nicht explizit aufzuspalten, keine Frauen-(Schwulen/Farbigen/Kleinen/Behinderten/…)-Quoten zu machen, sondern dafür zu sorgen, daß _Individuen jeder Art_ die Chance bekommen, sich an jeder Stelle der Partei einzubringen. Auch Menschen, die leiser sind, die vorsichtiger argumentieren, die sich ihrer Fähigkeiten nicht selbstsicher genug sind und vieles mehr.

    Und dafür Sorge zu tragen, daß niemand diskriminiert wird, _auch_ keine Frauen.

    Das ist für mich post-gender, aber dennoch bedeutet das eine große und schwierige Aufgabe, die vor uns steht. Post-gender heißt für mich explizit NICHT: „Wir müssen uns nicht mit den Problemen und Ängsten mancher/einiger/vieler Frauen auseinandersetzen, weil wir da schon vorbei sind“.

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