Wenn ich mich fuer die Rechte von Trans-Menschen, Homosexuellen, Behinderten, … einsetze – entmachte ich dann, so wie ich mich entmachtet fuehle? Hm.

Mein Bauch gehoert mir

Beim Thema Feminismus habe ich zu Anfang aus dem Bauch heraus meine Meinung gebildet, mit mir selbst als Ausgangspunkt und Mass der Dinge. Aber kein Mensch ist eine Insel, und ich habe zugehoert, gelesen, diskutiert. Ich hatte erst kuerzlich das Glueck, eine neue Freundin zu gewinnen, die so viel mehr weiss als ich und die Zeit und Geduld hat (oder sich nimmt), mit mir zu diskutieren. Ich verstehe jetzt, warum mehr Frauen in Aufsichtsraeten wichtig fuer die Gesellschaft sind, und warum vielleicht sogar eine Quote sinnvoll sein kann.

Das heisst aber nicht, dass ich mein Bauchgefuehl jetzt ignoriere, und vielleicht kann ich erklaeren, warum ich bei diesem Twitter-Austausch Wut im Bauch hatte:

TwittererA: Warum dürfen denn eigentlich Frauen nicht selbst über ihren Körper entscheiden? Ich verstehe das nicht.
TwittererB: Weil Penis.
TwittererA: orrrrrr

Mein Kopf weiss, wie es gemeint ist, mein Bauch schreit empoert auf – vielleicht gerade weil ich beide Twitterer sehr schaetze, sonst ginge es mir eher am Allerwertesten vorbei. Ja, es ist ein Unding, dass irgendwer meint, ueber den Koerper von irgendwem anderem entscheiden zu duerfen. Aber was bei meinem Bauch ankommt, ist, dass Partei C der Partei A sagt, was sie nicht mit Partei B machen darf, und dabei ueber Partei B spricht, statt mit ihr. Partei B – yours truly in diesem Fall – fuehlt sich hilflos, uebergangen, entmachtet. Mit vaeterlichem Wohlwollen behandelt.

Ich hab euch trotzdem lieb. Es ist wichtig, dass es Menschen, auch maennlicher Auspraegung, gibt, die sehen, was da fuer ein Wahnsinn vor sich geht, und es ist wichtig, dass auch Menschen mit Penis Front dagegen machen, und ich weiss zu schaetzen, dass ihr das tut. Und mein Bauch wird sich auch wieder einkriegen, dafuer sorgt der Kopf.

Schema F

Wir hatten heute Besuch von zwei Kollegen aus einem Nachbarland und saßen zu acht oder neunt zusammen, ich als die einzige Frau.

Das Thema war Arbeit, aber der Umgangston locker wie eben in der täglichen Zusammenarbeit auch, und es wurde der ein oder andere Witz gemacht. Und dann verkniff sich einer der Besucher einen Witz mit Verweis auf mich. Ich habe ihm – lachend – gesagt, dass ich mich diskriminiert fühle, seine – ebenfalls lachende – Antwort war, „and you should!“

Später war mir das Anlass, zu tweeten: „Wo ich Sexismus wahrnehme: Maenner verkneifen sich Witze, weil ich als Frau anwesend bin.“ Wie erwartet fand dieser Tweet eine Menge Resonanz, und eine Antwort von _phoeni fasste genau meine Gedanken in Worte: „Wie Manns auch macht ist’s falsch.

Der Mann an sich kann es eben nicht richtig machen, wenn er das Schema F(rau) anlegt und meint, das würde jetzt auf jede passen. Hier: Die Frau an sich mag keine möglicherweise nicht ganz „sauberen“ Witze hören. Der Fehler hier ist, dass es die Frau an sich nicht gibt, ebensowenig natürlich wie den Mann an sich, aber die Gesellschaft möchte uns das derzeit glauben machen.

Man(n) schaut einer Frau nicht auf die Brüste (wenn ich mal ein schönes Dekolleté hinbekomme, freue ich mich, wenn auch Menschen hinsehen).
Man(n) macht in Gegenwart einer Frau keine schmutzigen Witze (normalerweise mache ich die).
Man(n) reduziert eine Frau nicht mit Komplimenten auf ihr Äußeres (ich liebe Komplimente, hierzu auch sehr interessant ein Tweet von TiiaAurora).
Etc. pp.

Ich mache meinem Kollegen keinen Vorwurf dafür, dass er Vorsicht hat walten lassen, ebensowenig wie jedem anderen, der sich für ein Kompliment entschuldigt oder sich den Blick auf ein schönes Dekolleté verkneift. Ich finde es nur sehr schade, dass es nötig ist.

Meinen stark vereinfachten Lösungsvorschlag habe ich dann auch getweetet: „Genau darauf wollte ich uebrigens raus: die Wahrnehmung ist fuer jede/n anders. Weg von Mann/Frau, hin zu Menschen individuell respektieren.“ Ich versuche, danach zu leben. Wenn ich einem Freund auf den Hintern hauen kann, heißt das nicht, dass ich das bei allen Männern (oder Frauen) kann, und dass ich schmutzige Witze mag, heißt nicht, dass alle Frauen (oder Männer) sie mögen. Schema F und Schema M funktionieren nicht.

Hass

Jemand, den ich noch nicht lange kenne, aber bereits sehr schätze, re-tweetete heute Folgendes:

Merken meine hatenden mit-Männer nicht, dass jeder ihrer texte eine neue Begründung darstellt, warum feministinnen notwendig sind?

Mein erster Impuls war:

Merken meine hatenden mit-Frauen nicht, dass jeder ihrer Texte eine neue Begründung darstellt, warum Maskulisten notwendig sind?

Aber das ist natürlich ganz genauso falsch und gefährlich. Richtig ist:

Merken meine hatenden mit-Menschen nicht, dass jeder ihrer Texte eine neue Begründung darstellt, warum Humanistinnen und Humanisten notwendig sind?

Hass ist nicht an ein Geschlecht gebunden. Es so darzustellen, polarisiert, und ich wünschte, Menschen würden aufhören, es zu tun.

Aufschrei

Einen Aufschrei ist es wert, wenn Frauen massenhaft im Rahmen religiös motivierter Unruhen vergewaltigt werden.

Einen Aufschrei ist es wert, wenn Mädchen zwangsverheiratet, gefoltert und getötet werden.

Einen Aufschrei ist es wert, wenn Mädchen nicht zur Schule gehen, Frauen nicht Auto fahren, nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben dürfen.

Einen Aufschrei ist es wert, wenn Frauen in einem Land, das sich selbst als fortschrittlich sieht, systematisch aus einer Berufsausbildung gemobbt werden.

Einen kleinen Aufschrei ist es wert, wenn Frauen allein aufgrund ihres Geschlechts Jobs nicht bekommen.

Einen kleinen Aufschrei ist es wert, wenn auch beim Wehrdienst-Revival keine Frau aufschreit, weil wieder nur Männer zwangsverpflichtet werden.

Keinen Aufschrei ist es wert, wenn Frauen sich für die gleichen Jobs genauso anstrengen müssen wie Männer.

Keinen Aufschrei ist es wert, wenn Männer sich breitbeinig hinsetzen.

Keinen Aufschrei ist es wert, wenn Menschen die Körper anderer Menschen bewundern – aber es ist einen Aufschrei wert, dass so viele die atemberaubend vielfältige Schönheit der Natur, zu der menschliche Körper gehören, nicht zu schätzen wissen.

Fettnapf, ick hör dir trappsen

Da habe ich doch mal ganz flapsig eine mir als sehr unangenehm beschriebene Gruppe mit Feministen in einen Topf geworfen, und wozu hätte man Freunde, wenn nicht, um auf so etwas hingewiesen zu werden, mit dem Kommentar, man möge doch bitte nicht so pauschalisieren.

Für alle, die dabei waren und mich – möglicherweise weil Feminismus zu ihrem Selbstverständnis gehört – im Fettnapf waten gesehen haben: ich bitte um Entschuldigung. Bestest of Friends: Danke.

Mir widerstrebt Feminismus im Allgemeinen, weil er zuerst den Unterschied und dann den Menschen sieht, aber ich kann ihn tolerieren und mehr, wenn er versucht, aus diesem Unterschied resultierende Ungerechtigkeit zu beheben.

Ich kann nicht tolerieren, wenn ein nicht willentlich beeinflussbarer Unterschied benutzt wird, um eine Gruppe abzuwerten oder zu benachteiligen, und das tut die Spielart des Feminismus, die ich als radikal bezeichne, genauso wie Rassismus, der statt in Penis und Vagina in braun und rosa einteilt.

Auf der anderen Seite finde ich es für mich völlig in Ordnung, gegen eine Menschengruppe aufgrund einer willentlich beeinflussbaren Eigenschaft eingestellt zu sein – nämlich beispielsweise der Entscheidung, Menschen aufgrund des Geschlechts oder der Hautfarbe abzuwerten. Genau das wollte mein flapsiger Vergleich sagen: die hören sich an wie die Art von Feministen, die nicht Ungerechtigkeit beseitigen, sondern vermehren wollen, und die mir persönlich so sehr ein Dorn im Auge sind.

Another One Bites the Dust

Menschen, die das Wort „Radikalfeminismus“ im aktiven Wortschatz haben, nehme ich pauschal als Diskussionspartner nicht ernst und verachte sie einfach.

Der Mann (sic), der mir das an den Kopf geworfen hat, hat etwas nicht verstanden: Ich habe angefangen, den Begriff „Radikalfeminismus“ zu verwenden, um eben nicht Feminismus per se als die Geißel unserer Gesellschaft bezeichnen zu müssen. Denn ich müsste davon ausgehen, dass auch männliche Feministen die folgenden Zitate voll in Ordnung finden (ich habe mich hier ganz frech bei meiner Twitter-Timeline bedient):

Ein toter Vater ist Rücksicht in höchster Vollendung. -Mareen Green

Tief in seinem Innern weiss jeder Mann, dass er ein wertloser Misthaufen ist. -Valerie Solanas

Ich finde, Männerhass ist eine mögliche und ehrenwerte politische Handlung. -Robin Morgan

Ich will nicht warten, bis die Männer endlich tot sind oder freiwillig ihren Platz räumen. -Gabriele Heinisch-Hosek

Buben sollten Wunden zugefügt werden, wenn sie sich frauenfeindlich verhielten. Diese Verletzungen heilen sowieso wieder zu schnell -Prof. Dr. Luise Pusch

Wie ein Jude, der gerade aus Dachau freigekommen ist, sehe ich den hübschen jungen Nazisoldaten mit einer Kugel im Bauch, sich vor Schmerzen krümmend, niedersinken, und ich schaue nur kurz und gehe weiter. Ich muss nicht mal mit der Achsel zucken. Es geht mich einfach nichts an. Männer sind Nazis, durch und durch. Ihr Tod ist also historisch gerechtfertigt. -Marilyn French

Vielleicht sollten die Frauen den Männern die Eier abschneiden, damit auf der Erde wieder ein Paradies entstehen kann. Die Männer würden ruhiger werden und sensibler mit ihrer Umwelt umgehen. Ohne diesen ständigen Ausstoß von Testosteron gäbe es keinen Krieg, kein Töten, kein Rauben, keine Vergewaltigungen. -Waris Dirie

Bevor jetzt jemand sagt, aber das sind doch nur die ganz radikalen Auswüchse: Ja, genau das ist mein Punkt. Ich möchte selbst nicht glauben, dass das Feminismus ist, und deswegen sage ich „Radikalfeminismus“.

Der Mensch, der mich zu diesem Post inspiriert hat, ist jetzt jedenfalls auf meiner Ignore-Liste und geblockt (das „EOD“ kam von ihm, ich habe das dann von meiner Seite konsequent umgesetzt). So etwas macht mich traurig und zorning – Ladies, bei manchen Männern wart ihr mit der Kastration schon sehr erfolgreich. Ich dagegen mag Männer lieber mit Eiern, dann sind sie nämlich auf meiner Augenhöhe.